Ständig Kopfhörer auf? Was ich über Zuhören gelernt habe

Mein erster richtiger Job war das Sortieren von Büchern. Ein Nebenjob, Regale auffüllen, Rückgaben einordnen, stundenlang dieselbe Handbewegung. Dafür muss man nicht besonders aufmerksam sein, also hatte ich permanent Kopfhörer auf. Von der ersten bis zur letzten Minute.
Eines Tages fragte mein Chef im Vorbeigehen: „Hörst du eigentlich auch mal in die Natur?"
Ich war irritiert und wusste nichts damit anzufangen. Wir standen in einem Lagerraum ohne Fenster. Welche Natur? Ich habe irgendetwas Höfliches geantwortet und die Kopfhörer wieder aufgesetzt.
Den Satz habe ich trotzdem behalten. Es hat ungefähr acht Jahre gedauert, bis ich verstand, was er meinte.
Dauerbeschallung
Er meinte nicht Vogelgezwitscher. Er meinte, dass ich den ganzen Tag zugedröhnt war, und zwar freiwillig.
Das ist inzwischen der Normalzustand, und mir fällt es vor allem an den Lücken auf, die es nicht mehr gibt. Fahrstuhl: Handy. Warteschlange: Kopfhörer. Zähne putzen: Podcast. Die zwei Minuten zwischen Haustür und Bushaltestelle: irgendein Video. Es gibt keinen Moment mehr, in dem nichts läuft.
Das ist dieselbe Mechanik, die ich in meiner Informations-Diät beschrieben habe, nur für die Ohren. Nicht ein großer Konsum, sondern ein lückenloser.
Das Zitat, das ich nicht belegen kann
Irgendwann las ich einen Satz, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht:
„Wenn ich Musik hören will, mache ich das Fenster auf."
Ich hatte ihn als Zitat von John Cage im Gedächtnis, dem Komponisten, der die Stille zum Thema gemacht hat. Und weil auf diesem Blog nichts stehen soll, was wir nicht geprüft haben, habe ich nachgesehen.
Ergebnis: Ich finde keinen Beleg. Weder in den Zitatsammlungen zu Cage noch in den Verzeichnissen seiner Schriften taucht dieser Satz auf. Nicht auf Deutsch und nicht auf Englisch. Er klingt nach ihm, er passt zu ihm, und genau so entstehen Falschzuschreibungen.
Ich schreibe ihn trotzdem hierhin, weil er mich verändert hat. Nur eben ohne Namen darunter.
Was Cage wirklich gesagt hat
Und jetzt die gute Nachricht: Der belegte Satz ist besser.
1937 hielt Cage in Seattle einen Vortrag mit dem Titel The Future of Music: Credo. Er beginnt mit diesen Zeilen:
„Wherever we are, what we hear is mostly noise. When we ignore it, it disturbs us. When we listen to it, we find it fascinating."
Wo auch immer wir sind, was wir hören, ist meistens Lärm. Ignorieren wir ihn, stört er uns. Hören wir ihm zu, finden wir ihn faszinierend.
Das ist exakt die Frage meines Chefs, nur fünfzig Jahre früher und in einem Lagerraum ohne Fenster genauso gültig. Es geht nicht um Natur. Es geht darum, ob man überhaupt noch hinhört.
Dazu passt eine Geschichte, die Cage selbst erzählt hat: Er ging in einen schalltoten Raum in Harvard, um endlich absolute Stille zu erleben, und hörte zwei Töne. Einen hohen und einen tiefen. Der Techniker erklärte ihm: das Nervensystem und der Blutkreislauf. Cage zog daraus den Schluss, dass es Stille nicht gibt, solange man lebt.
Fünfzehn Jahre nach dem Vortrag machte er daraus ein Stück: 4′33″, bei dem nicht gespielt wird. Vier Minuten dreiunddreißig, in denen das Publikum hört, was ohnehin da ist: Husten, Regen auf dem Dach, den eigenen Atem. Das gilt bis heute als Provokation. Es ist aber vor allem eine Gebrauchsanweisung.
Was die Forschung dazu sagt
Es gibt tatsächlich Daten zu der Frage, ob Zuhören etwas bringt.
Eine Übersichtsarbeit in den PNAS hat 36 Untersuchungen zu Naturgeräuschen gesichtet und 18 davon zusammengefasst. Ergebnis: Naturgeräusche senken Stress und Belästigungsempfinden deutlich; beschrieben werden außerdem weniger Schmerzempfinden, bessere Stimmung und bessere kognitive Leistung.
Ehrlich dazu: Der Effekt auf Stress ist solide, der auf Wohlbefinden hat ein so breites Vertrauensintervall, dass die Größe dieser Wirkung unsicher bleibt. Die Richtung stimmt, die Genauigkeit nicht.
Wie ich es heute mache
Ich habe die Kopfhörer nicht abgeschafft. Ich habe nur aufgehört, sie als Grundeinstellung zu behandeln.
Meine vier Regeln
- Ein Weg pro Tag ohne Ton. Bei mir der Heimweg. Anfangs war das unangenehm langweilig. Inzwischen ist es der Teil, in dem sich Gedanken sortieren
- Fenster auf, bevor ich etwas anmache. Zwei Minuten. Oft mache ich danach nichts mehr an
- Keine Kopfhörer beim Kochen und beim Aufräumen. Genau die Tätigkeiten, bei denen ich früher automatisch zugedröhnt habe
- Wenn Musik, dann Musik. Nicht nebenbei, sondern hingesetzt. Dazu habe ich in meinem Text über den iPod mehr geschrieben
Mein Fazit
Mein Chef hat damals keine Weisheit verteilt, er hat eine Beobachtung gemacht: dass da jemand acht Stunden am Tag nichts von seiner Umgebung mitbekam.
Die beiden Sätze, der unbelegte mit dem Fenster und der belegte von 1937, sagen dasselbe. Was wir für Lärm halten, ist meistens nur ungehört. Und das Fenster aufzumachen kostet nichts.
Den Satz mit dem Fenster zitiere ich weiterhin. Nur sage ich jetzt dazu, dass ich nicht weiß, von wem er ist.
Quellen
- Buxton RT, Pearson AL, Allou C, Fristrup K, Wittemyer G: A synthesis of health benefits of natural sounds and their distribution in national parks. PNAS 2021;118(14):e2013097118 — Übersichtsarbeit und Metaanalyse zu Naturgeräuschen und Gesundheit
- John Cage: The Future of Music: Credo (Vortrag, Seattle 1937) — veröffentlicht in Silence: Lectures and Writings, Wesleyan University Press 1961. Der zitierte Satz eröffnet den Text
- John Cage bei Wikiquote — Übersicht der belegten Zitate; der Satz „Wenn ich Musik hören will, mache ich das Fenster auf" findet sich dort nicht