Work-Life-Balance

Ikigai im Berufsalltag – warum ich morgens aufstehe (und wofür)

Sarah 7 Min. Lesezeit

Ikigai im Berufsalltag – warum ich morgens aufstehe (und wofür)

Es gab eine Phase, da bestand mein Morgen aus drei Snooze-Runden und einem Gedanken: „Schon wieder Dienstag?" Nicht Burnout, nicht Krise — nur diese zähe Sinnlosigkeit, die sich einschleicht, wenn man zwei Jahre im selben Hamsterrad läuft. In genau dieser Phase ist mir das Buch „Ikigai" von Héctor García und Francesc Miralles in die Hände gefallen.

Was Ikigai wirklich meint

Ikigai wird gern als hübsches Venn-Diagramm verkauft: die Schnittmenge aus dem, was du liebst, was du kannst, was die Welt braucht und wofür man dich bezahlt. Das Diagramm ist westliches Marketing — der Kern ist schlichter und schöner: Ikigai ist der Grund, morgens aufzustehen. In Okinawa, wo die Autoren recherchiert haben, ist das selten der große Lebenstraum. Es ist der Garten. Die Nachbarin. Das Handwerk, das man mit 90 noch ausübt.

Drei Dinge aus dem Buch haben bei mir eingeschlagen:

  • Flow statt Feuerwerk: Sinn entsteht in Tätigkeiten, in denen ich die Zeit vergesse — nicht in Jobtiteln.
  • Moai: Die Menschen in Okinawa altern in festen kleinen Gemeinschaften. Verbundenheit ist kein Nice-to-have, sie ist Infrastruktur.
  • Nie ganz aufhören: „Retirement" gibt es dort als Konzept kaum. Aktiv bleiben, in irgendeiner Form, ein Leben lang.

Der Selbstversuch: Ikigai auf Agentur-Deutsch

Ich habe keinen Job gekündigt und bin auf keine Insel gezogen. Stattdessen habe ich zwei Wochen lang abends drei Fragen beantwortet:

Mein Mini-Ikigai-Protokoll

  • Wann habe ich heute die Zeit vergessen?
  • Welcher Moment hat sich sinnvoll angefühlt — und für wen?
  • Worauf habe ich mich heute Morgen (ehrlich) gefreut?

Das Ergebnis war unbequem präzise: Die Flow-Momente lagen fast nie in Meetings und fast immer im Konzipieren und Schreiben. Die Sinn-Momente hatten fast immer mit Kolleginnen zu tun, denen ich etwas beigebracht habe. Also habe ich mit meiner Chefin über genau diese zwei Verschiebungen gesprochen — mehr Konzeptarbeit, ein festes Mentoring. Kein neues Leben. Ein besser sortiertes.

Was Ikigai nicht ist

Ikigai ist kein Produktivitätshack und kein Argument, den Traumjob-Mythos noch höher zu hängen. Wenn der Sinn im Job gerade nicht zu finden ist, darf er woanders wohnen — im Ehrenamt, im Sport, in Menschen. Auch das steht so im Buch, wird nur seltener zitiert.

Und weil Sinn schlecht auf leerem Akku wächst: Wie ich überhaupt gelernt habe, zur Ruhe zu kommen, steht in Meditation für Ungeduldige.

Quellen

  • Héctor García, Francesc Miralles: „Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden" (Buch, 2016) — Grundlage dieses Artikels