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Informations-Diät – ich habe mein Gehirn auf Entzug gesetzt

Sarah 7 Min. Lesezeit

Informations-Diät – ich habe mein Gehirn auf Entzug gesetzt

Es gab einen Abend, an dem ich zwei Stunden am Handy verbracht habe und danach nicht eine einzige Sache wiedergeben konnte, die ich gelesen hatte. Nicht eine. Ich konsumiere beruflich den ganzen Tag Informationen — und habe abends offenbar trotzdem noch Hunger. Nur satt macht es nicht. Also habe ich das gemacht, was man mit jeder schlechten Ernährung macht: eine Diät. Eine Informations-Diät.

Warum „Diät" das richtige Wort ist

Der Vergleich ist ehrlicher, als er klingt. Bei Essen unterscheiden wir selbstverständlich zwischen Nährwert und leeren Kalorien — bei Information tun wir das selten. Dabei ist ein algorithmischer Feed genau das: unendliche leere Kalorien, zusammengestellt von einer Maschine, die nicht will, dass ich satt werde. Kyle Chayka beschreibt in „Filterworld", wie Algorithmen nicht nur auswählen, was wir sehen, sondern nach und nach glätten, was wir mögen. Und Hans Rosling zeigt in „Factfulness" die andere Seite: Ein dramatischer Nachrichten-Feed erzeugt systematisch ein falscheres Bild der Welt, als die Daten hergeben.

Mein Diätplan

Ich habe drei Formate ausprobiert, aufsteigend nach Schwierigkeit:

Die Informations-Diät in drei Stufen

  • Wöchentliches Mini-Fasten (4–8 Stunden): Ein Feierabend pro Woche komplett ohne Feeds — Benachrichtigungen aus, Apps in einen Ordner auf Seite drei
  • Ein-Quellen-Tage: Ein Tag, eine Quelle. Nur ein Buch. Oder nur Gespräche. Kein Parallel-Scrollen
  • Monatlicher Detox (24+ Stunden): Ein ganzes Wochenende offline-ish — Karten und Musik erlaubt, alles mit Feed verboten

Die ersten Mini-Fasten waren unangenehm ehrlich: Ich habe mein Handy in den ersten zwei Stunden ungelogen fünfzehn Mal in die Hand genommen — aus reinem Reflex, ohne Absicht. Ab Woche drei wurde es still im Kopf. Nicht leer: still. Der Unterschied ist enorm.

Was sich verändert hat

Drei Dinge sind geblieben. Erstens: Ich lese wieder Bücher zu Ende, weil mein Gehirn nicht mehr alle neunzig Sekunden einen Szenenwechsel erwartet. Zweitens: Meine Abende fühlen sich länger an — dieselben Stunden, aber ich bin dabei. Drittens, das Überraschendste: Ich bin besser informiert, nicht schlechter. Eine bewusst gewählte Quelle pro Thema schlägt vierzig zufällige Schlagzeilen.

Der Gedanke dahinter ist derselbe wie bei meinem Ikigai-Experiment: nicht mehr konsumieren, sondern bewusster wählen, was Aufmerksamkeit verdient. Aufmerksamkeit ist das Einzige, wovon ich nicht mehr nachkaufen kann.

Eine Informations-Diät ist kein Dogma. Wer beruflich erreichbar sein muss, definiert vorher Ausnahmen (Anrufe von bestimmten Menschen, ein Notfall-Kanal) — sonst scheitert das Experiment am ersten schlechten Gewissen.

Quellen

  • Kyle Chayka: „Filterworld – How Algorithms Flattened Culture" (Buch, 2024)
  • Hans Rosling, Ola Rosling, Anna Rosling Rönnlund: „Factfulness" (Buch, 2018)
  • Peter F. Drucker: „The Effective Executive" (Buch, 1967) — zur bewussten Auswahl dessen, was Aufmerksamkeit verdient