Work-Life-Balance

Mein Jahresvorsatz beginnt im Oktober – und ist kein Ziel mehr, sondern ein Thema

Sarah 9 Min. Lesezeit

Im Januar ist mein Fitnessstudio ein anderer Ort. Man wartet an den Geräten, die Umkleide ist voll, an der Theke hängt ein Neujahrsangebot. Im März ist wieder Platz.

Ich habe jahrelang zu den Leuten gehört, die im Januar dazukommen — und irgendwann aufgehört, mich darüber lustig zu machen. Meine Vorsätze sind nämlich nie im Februar gescheitert. Sie sind im Dezember gescheitert, in dem Moment, in dem ich sie formuliert habe.

Zwei Dinge habe ich geändert. Das eine ist ein Trick. Das andere hat zwei Jahre meines Lebens umgebaut.

Erstens: das Datum vorziehen

Wenn ich im Januar trainieren will, gehe ich im Oktober hin.

Der praktische Grund ist banal — es ist leer. Der eigentliche ist mir wichtiger: Ein Datum im Kalender sollte nicht der Auslöser für meine eigene Gesundheit sein. Wenn mir im Oktober auffällt, dass ich mich zu wenig bewege, ist das im Oktober wahr. Den Befund bis zum 31. Dezember liegen zu lassen, ist keine Planung. Das ist Aufschub mit besserer PR.

Wo ich mir selbst widersprechen muss

Die Forschung sagt erst mal das Gegenteil, und das wegzulassen wäre unredlich.

Es gibt den Fresh-Start-Effekt (Dai, Milkman und Riis, 2014): Zeitliche Marken — ein neues Jahr, ein Geburtstag, sogar ein Montag — erhöhen messbar, dass Menschen sich Ziele vornehmen. Gezeigt wurde das unter anderem an tatsächlichen Besuchen im Fitnessstudio. Der 1. Januar funktioniert also wirklich.

Beim Weiterlesen wird der Punkt aber feiner: Der Effekt hängt nicht am Jahreswechsel, sondern daran, dass irgendeine Marke das Vergangene abschließt. Ein neuer Monat tut das auch. Der 1. Oktober ist ein Neuanfang — nur ein leiserer. Ich habe den Effekt nicht abgeschafft, ich warte nur nicht mehr auf den lautesten.

Es ist derselbe Gedanke wie bei den zehntausend Schritten am Tag — auch die stammen aus einer Werbeabteilung und nicht aus der Forschung. Eine Zahl aus einem Produktnamen, ein Datum aus dem Kalender. Beides funktioniert, solange man weiß, dass es Konvention ist und kein Naturgesetz.

Zweitens: aufhören, sich Ziele zu setzen

Das ist die Änderung, die wirklich etwas bewirkt hat.

Mein alter Vorsatz lautete: Ich muss mehr Sport machen. Eine Pflicht mit einem Messwert dran. Man kann sie nur erfüllen oder verfehlen — und man verfehlt sie beim ersten ausgelassenen Dienstag.

Mein neuer Vorsatz ist seit Jahren derselbe:

Ich will die beste Version meines Seins werden. Dieses Jahr beschäftige ich mich mit diesem Thema.

Kein Ziel. Ein Thema. Zwölf Monate, in denen es keinen Tag gibt, an dem ich durchgefallen bin.

Der Unterschied klingt nach Wortklauberei, ist aber gemessen. Eine schwedische Untersuchung hat 1.066 Teilnehmende ein Jahr lang begleitet und zwei Sorten Vorsätze unterschieden: hinlaufende („ich will X erreichen") und weglaufende („ich will mit Y aufhören"). Nach zwölf Monaten waren die hinlaufenden deutlich erfolgreicher — 58,9 gegen 47,1 Prozent.

Genau das passiert, wenn aus „ich muss weniger faul sein" ein „ich will die beste Version meines Seins werden" wird. Die Richtung dreht sich um.

Das erste Jahr: Gespräche

Mein erstes Themenjahr war nicht Sport, sondern das, wovor ich am meisten Respekt hatte.

Ich war in Gruppen angespannt. Nicht dramatisch, aber genug, dass ich Einladungen absagte und nach Feierabend erleichtert war, wenn nichts anstand. Als Ziel hätte das geheißen: öfter unter Leute gehen. Das hätte ich dreimal gemacht und dann gelassen.

Als Thema sah es anders aus. Ein Jahr lang eine einzige Frage: Wie entsteht eigentlich ein gutes Gespräch? Ich habe zugehört, wie andere es machen. Dass die guten mehr fragen als erzählen. Dass Stille kürzer ist, als sie sich anfühlt. Dass fast niemand darauf achtet, was ich sage, weil alle mit sich selbst beschäftigt sind.

Am Jahresende war die Anspannung nicht weg. Sie war unter Kontrolle, und ich hatte etwas gelernt, das geblieben ist.

Wichtig, und das will ich nicht verwischen: Unbehagen in Gruppen und eine soziale Angststörung sind zwei verschiedene Dinge. Schüchternheit legt sich, wenn man sich an eine Situation gewöhnt. Eine soziale Angststörung schränkt das Leben dauerhaft ein — und ist gut behandelbar. Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt kognitive Verhaltenstherapie mit dem höchsten Empfehlungsgrad. Wenn du dich hier wiedererkennst und es dich einengt, ist der Weg keine Jahresvorsatz- Idee, sondern eine Praxis. Das ist keine Schwäche, das ist der kürzere Weg.

Das zweite Jahr: Arbeit

Im Jahr darauf war mein Thema beruflicher Erfolg — aber nicht in Euro gemessen. Die Frage lautete: Wie kriege ich mehr Ergebnis bei weniger Druck? Nicht mehr Stunden. Weniger Anstrengung pro Ergebnis.

In einer Agentur ist das nicht selbstverständlich. Feierabend ist bei uns eher eine Behauptung, und wer abends noch Mails beantwortet, gilt als engagiert.

Das Erstaunliche war, wie klein die Schritte waren.

Ich habe mein Arbeitszimmer umgeräumt. Nicht schöner, sondern so, dass ich mich hinsetze und arbeite — und die Arbeit danach weglegen kann. Der Laptop hat einen Platz, an dem er abends nicht steht. Das klingt lächerlich und hat mehr gebracht als jede Produktivitäts-App, die ich je installiert habe.

Zweitens: Wenn ich bei einem Briefing feststecke, gehe ich raus. Eine Runde um den Block, ohne Handy. Ich komme selten mit der Lösung zurück, aber fast immer mit zwei, drei Ansätzen, die ich am Schreibtisch nicht hatte.

Auch das ist untersucht, und die Zahl ist deutlich: In einer Stanford-Studie stieg die kreative Ausbeute beim Gehen um rund 60 Prozent gegenüber dem Sitzen — egal ob draußen oder auf dem Laufband. Entscheidend ist ein Detail, das ich erst später verstanden habe: Der Effekt betrifft das divergente Denken, also das Erzeugen vieler Möglichkeiten. Für das Finden der einen richtigen Antwort gilt er nicht.

Das erklärt meine Erfahrung genau. Ich komme nicht mit der Antwort zurück. Ich komme mit Ansätzen zurück. Dafür ist Gehen da.

Und drittens das Langweiligste, das vermutlich am meisten bringt: Ich nehme mir nicht mehr vor, dass ich etwas tue, sondern lege fest, wann und wo. Die Forschung nennt das Wenn-dann-Vorsätze; eine Meta-Analyse über 94 Untersuchungen findet dafür einen mittleren bis großen Effekt — obwohl die Vergleichsgruppen den Vorsatz schon hatten. Nicht der Wille macht den Unterschied, sondern die Festlegung auf die Situation.

Nichts davon ist spektakulär. Viele kleine, einfache Dinge, die sich nach und nach aufgebaut haben.

Kurzer Realitätscheck: die berühmten 80 Prozent

Du kennst den Satz: Achtzig Prozent aller Neujahrsvorsätze scheitern bis Mitte Februar.

Ich habe die Quelle gesucht. Die Spur führt von Artikel zu Artikel zu einer Studie der University of Scranton, die sich nicht auffinden lässt, und endet bei toten Links. In der Fachliteratur gibt es keine breit zitierte Zahl dieser Art.

Was es gibt, ist die schwedische Untersuchung von oben: Dort hielten sich nach einem Jahr 55 Prozent für erfolgreich. Das sind Selbstauskünfte, und wer nicht antwortet, ist vermutlich seltener erfolgreich — aber der Abstand zu „acht Prozent schaffen es" ist gewaltig.

Und die Zahl richtet Schaden an: Wer glaubt, mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu scheitern, fängt gar nicht erst an. Es ist derselbe Mechanismus wie bei der angeblichen Übersäuerung, die Anna zwei Wochen lang mit Teststreifen gemessen hat — eine Behauptung, die so oft wiederholt wurde, dass niemand mehr nach der Quelle fragt.

Wie ich es inzwischen mache

Mein Jahresthema, praktisch

  • Im Oktober anfangen. Wenn dir im Oktober etwas auffällt, ist es im Oktober wahr
  • Ein Thema, kein Ziel. „Ich beschäftige mich dieses Jahr mit X" statt „ich muss X erreichen" — dann gibt es keinen Tag, an dem du durchfällst
  • Hinlaufen statt weglaufen. „Besser reden können" schlägt „weniger schüchtern sein". Nachweislich, nicht nur gefühlt
  • Eins pro Jahr. Nicht fünf. Zwölf Monate sind für eine Sache kurz
  • Die Umgebung umbauen, nicht den Willen anspannen. Wo steht der Laptop abends? Wo liegen die Sportsachen?

Mein Fazit

Mein Vorsatz ist seit Jahren derselbe, und ich schreibe ihn nicht mehr auf, weil ich ihn nicht vergesse: Ich will die beste Version meines Seins werden, und dieses Jahr beschäftige ich mich mit diesem einen Thema.

Was sich ändert, ist nur das Thema. Was bleibt, ist: Es gibt kein Datum, an dem ich versagt habe — und keins, an dem ich anfangen muss.

Das Studio ist im Januar trotzdem voll. Ich finde das inzwischen sympathisch. Es ist nur nicht mehr mein Termin.

Quellen