L-Theanin – warum grüner Tee mich wacher und ruhiger zugleich macht

Mein Verhältnis zu Kaffee ist kompliziert: Eine Tasse vor der Vorlesung, und ich bin wach — aber auch fahrig, und mein Herz macht Dinge, die ich ihm nicht aufgetragen habe. Grüner Tee macht das nicht, obwohl auch er Koffein enthält. Irgendwann wollte ich wissen, warum. Die Antwort heißt L-Theanin.
Was L-Theanin ist
L-Theanin ist eine Aminosäure, die fast ausschließlich in Teeblättern vorkommt — am meisten in grünem Tee. Sie gilt als der Grund, warum Tee-Koffein „sanfter" wirkt als Kaffee-Koffein: Theanin hat eine beruhigende Komponente, ohne müde zu machen. In EEG-Studien erhöht es die sogenannten Alpha-Wellen — Hirnaktivität, die mit einem Zustand entspannter, wacher Aufmerksamkeit verbunden ist. Genau das Gefühl, das ich beim Lernen mit einer Kanne Sencha habe.
Ehrlich dazugesagt: Eine Übersichtsarbeit von 2025 kommt zu dem Schluss, dass die Befunde zu Theanin uneinheitlich sind und belastbare Studien am Menschen weitgehend fehlen. Für den Stoff in einer Tasse Tee ist das kein Problem — bei hochdosierten Kapseln raten die Autoren ausdrücklich zur Zurückhaltung.
Die spannende Kombination: Theanin plus Koffein
Der interessanteste Teil der Forschung betrifft die Kombination: In mehreren Studien verbesserte Theanin zusammen mit Koffein die Geschwindigkeit und Genauigkeit bei Aufmerksamkeitsaufgaben stärker als jede der beiden Substanzen allein — bei gleichzeitig weniger Kopfschmerzen und weniger Nervosität als mit Koffein pur. Untersucht wurden meist etwa 100–200 mg Theanin mit 50–100 mg Koffein. Zur Einordnung: Eine Tasse grüner Tee liefert grob 20–50 mg Theanin — die Studien arbeiten also mit mehr, als eine einzelne Tasse enthält.
Wichtig für die Ehrlichkeit: Die Effekte in den Studien sind klein bis mittelgroß, und die Studien selbst oft kurz. Grüner Tee macht aus niemandem ein Genie. Er macht aus mir nur eine weniger zittrige Version von mir.
Wie ich es nutze
Meine Tee-Routine im Semester
- Morgens eine Kanne Sencha statt der ersten Tasse Kaffee — zwei, drei Aufgüsse
- Vor Lernblöcken: bewusst Tee statt Energy-Drink, allein schon wegen des Preises
- Nach 16 Uhr koffeinfrei — sonst rächt es sich beim Einschlafen
- Kapseln habe ich probiert, bin aber zum Tee zurück: gleiches Theanin, mehr Ritual
Der Ritual-Punkt ist für mich der eigentliche Gewinn. Eine Kanne aufgießen, drei Minuten warten, einschenken — das ist eine eingebaute Mini-Pause, die mir kein Supplement der Welt verkaufen kann. Ähnlich wie bei Magnesium am Abend – was es wirklich bringt gilt: Die Routine trägt mindestens so viel bei wie der Wirkstoff.
Quellen
- Haskell CF, Kennedy DO, Milne AL, Wesnes KA, Scholey AB: The effects of L-theanine, caffeine and their combination on cognition and mood. Biological Psychology 2008;77(2):113–122 — Theanin und Koffein einzeln und in Kombination
- Owen GN, Parnell H, De Bruin EA, Rycroft JA: The combined effects of L-theanine and caffeine on cognitive performance and mood. Nutritional Neuroscience 2008;11(4):193–198 — die Kombination schlägt beide Einzelstoffe
- Nobre AC, Rao A, Owen GN: L-theanine, a natural constituent in tea, and its effect on mental state. Asia Pacific Journal of Clinical Nutrition 2008;17(Suppl 1):167–168 — zu den Alpha-Wellen
- Williams JL et al.: The Effects of Green Tea Amino Acid L-Theanine Consumption on the Ability to Manage Stress and Anxiety Levels. Plant Foods for Human Nutrition 2020;75(1):12–23 — Übersichtsarbeit zu Stress und Angst
- Dashwood R, Visioli F: l-theanine – from tea leaf to trending supplement: does the science match the hype for brain health and relaxation? Nutrition Research 2025;134:39–48 — kritische Übersicht: die Befunde sind uneinheitlich, belastbare Studien am Menschen fehlen, bei hochdosierten Präparaten raten die Autoren zur Zurückhaltung