Work-Life-Balance

Mein alter iPod – wie ich mich wieder in Musik verliebt habe

Sarah 7 Min. Lesezeit

Mein alter iPod – wie ich mich wieder in Musik verliebt habe

Meine Informations-Diät hatte eine Ausnahme, auf die ich richtig stolz war: Musik war immer erlaubt. Musik, dachte ich, ist ja kein Feed.

Beim Aufräumen habe ich gemerkt, wie falsch das war. In einer Schublade lag mein alter iPod — ein Geschenk meiner Mutter, damals, mit dem zerkratzten Display und dem klickenden Rad. Ich habe ihn aus reiner Neugier an den Strom gehängt und nicht damit gerechnet, dass überhaupt etwas passiert.

Er ging an. Und da war Musik drauf.

Was ich vorher nicht gemerkt hatte

Ich habe an dem Abend drei Stunden lang alte Songs gehört, und irgendwann fiel mir auf, dass ich etwas tat, was ich seit Jahren nicht mehr getan hatte: Ich hörte zu. Nicht nebenbei. Nicht als Untermalung für die Spülmaschine. Ich saß da und hörte Musik, so wie man früher einen Film geguckt hat.

Dann kam die unangenehme Bilanz. Ich hatte ein Streaming-Abo, unbegrenzten Zugriff auf so ziemlich jede Aufnahme der Menschheitsgeschichte — und ich hörte seit Monaten dieselbe Playlist. Ich hätte nicht sagen können, welcher Song gestern lief. Ich merkte mir keine Titel mehr, keine Alben, keine Namen. Musik war in meinem Alltag immer egaler geworden, ohne dass ich es beschlossen hätte.

Es war kein Musikhören mehr. Es war ein Abo für Berieselung. Und ehrlich gesagt: eine vernachlässigte Liebe.

Warum unendliche Auswahl müde macht

Dass ausgerechnet der Zugriff auf alles dazu führt, dass man immer dasselbe hört, klingt widersinnig — ist aber gut untersucht.

Der Klassiker dazu ist eine Studie mit Marmelade. In einem Supermarkt stand mal ein Stand mit 6 Sorten, mal einer mit 24. Der große Stand zog mehr Leute an — gekauft haben deutlich mehr Menschen am kleinen. Und in weiteren Versuchen zeigte sich: Wer aus wenigen Optionen wählte, war mit seiner Wahl hinterher zufriedener.

Genau das passiert in einer Streaming-App. Bei 100 Millionen Titeln ist jede Entscheidung potenziell die falsche — also entscheide ich gar nicht, sondern lasse entscheiden. Der Algorithmus füllt die Stille mit etwas Passendem, und „passend" ist der Tod der Aufmerksamkeit. Kyle Chayka, den ich schon in der Informations-Diät zitiert habe, nennt das Ergebnis die Verflachung von Kultur: Algorithmen wählen nicht nur aus, was wir hören — sie glätten mit der Zeit, was wir überhaupt noch mögen.

Auf dem iPod waren vielleicht zweitausend Songs. Keine Suche nach dem Rest der Welt, keine Empfehlungen, keine automatische Fortsetzung. Eine endliche Menge Musik, die jemand — ich, mit sechzehn — bewusst dort hingetan hatte. Das ist keine Einschränkung. Das ist eine Entscheidung, die mir schon abgenommen wurde.

Warum ausgerechnet diese Songs so eingeschlagen haben

Der zweite Teil des Abends war emotional heftiger, als ich zugeben wollte. Auch dafür gibt es eine Erklärung.

Erinnerungen an das eigene Leben häufen sich auffällig in der späten Jugend und im frühen Erwachsenenalter — Psychologinnen nennen das den Reminiszenz-Höcker. Für Musik gilt er besonders deutlich: Lieder aus dieser Zeit erkennen wir besser, mögen wir lieber, halten wir für besser gemacht und reagieren emotional stärker darauf. Es ist also nicht so, dass die Musik von damals objektiv besser war. Sie ist besser verdrahtet.

Und dann kommt der Befund, bei dem ich schlucken musste: Dieselbe Studie fand einen zweiten Ausschlag — bei der Musik der Elterngeneration. Die Forschenden führen das darauf zurück, was zu Hause lief, als wir klein waren. Musik wird über Generationen weitergereicht.

Ich saß also mit einem Gerät auf dem Sofa, das meine Mutter mir geschenkt hat, und hörte Musik, die mich zum Teil deshalb erreicht, weil sie bei ihr lief. Das ist keine Nostalgie-Schwäche. Das ist, wie Musik in Menschen funktioniert.

Das Gerät ist der eigentliche Trick

Am Ende war es aber weder die Auswahl noch die Nostalgie. Es war das Ding selbst.

Der iPod kann eine Sache. Er kann nicht vibrieren, weil jemand geantwortet hat. Er kann mir nicht anzeigen, dass drei Leute mein Foto mögen. Er hat keine zweite App, in die ich kurz rüberrutsche, während das Lied noch läuft. Wenn er Musik spielt, ist Musik das, was passiert.

Claudia beschreibt in ihrem Text über Deep Work dasselbe Prinzip für die Arbeit: Es geht nicht um Willenskraft, sondern darum, die Unterbrechung gar nicht erst möglich zu machen. Für Musik gilt es genauso — nur habe ich das jahrelang nicht gesehen, weil ich Musik nicht für etwas hielt, das Aufmerksamkeit verdient.

Wieder richtig Musik hören — ohne iPod bei eBay zu kaufen

  • Ein Album, von vorne bis hinten. Keine Playlist, kein Shuffle. Vierzig Minuten, eine Entscheidung
  • Offline-Ordner statt Katalog. Lade eine überschaubare Auswahl herunter und höre eine Woche nur daraus
  • Autoplay und „ähnliche Titel" ausschalten. Wenn die Musik endet, darf Stille sein. Das Ende ist Teil des Hörens
  • Handy weg, nicht nur stumm. In einen anderen Raum. Der Unterschied ist größer, als er klingen darf
  • Ein Song, gemerkt. Schreib nach dem Hören einen Titel auf, der bleiben soll. Das klingt albern und verändert alles
Das ist kein Plädoyer für alte Hardware. Wer Freude an einem zerkratzten MP3-Player hat, soll ihn benutzen — aber der Effekt kommt nicht vom Retro-Gerät, sondern von zwei Eigenschaften, die man auch einem Smartphone beibringen kann: begrenzte Auswahl und keine Unterbrechung. Ein Flugmodus tut es auch.

Mein Fazit

Ich hatte Musik nie aufgegeben. Ich hatte nur aufgehört, ihr zuzuhören — und weil der Zugang nie abriss, ist mir der Verlust nicht aufgefallen. Man merkt nicht, dass man jemanden vernachlässigt, solange er jeden Tag da ist.

Das Streaming-Abo habe ich behalten; es ist ein großartiges Werkzeug, wenn ich etwas Bestimmtes suche. Aber abends liegt jetzt manchmal ein zerkratztes Gerät auf dem Tisch, das nichts weiter kann, als Musik abzuspielen, die ich mit sechzehn ausgesucht habe.

Es war ein Genuss. Das ist das richtige Wort, und mir ist erst beim Schreiben aufgefallen, wie lange ich es nicht mehr für Musik benutzt hatte.

Quellen