Nahrungsergänzung

Zwei Wochen Teststreifen – und ich habe die ganze Zeit das Falsche gemessen

Anna 7 Min. Lesezeit

Zwei Wochen Teststreifen – und ich habe die ganze Zeit das Falsche gemessen

Angefangen hat es an einem Dienstag in der Drogerie, zwischen Windeln und Zahnpasta. Neben der Kasse: Basenpulver, daneben ein Röhrchen pH-Teststreifen. „Für einen ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt." Ich war müde, hatte schlecht geschlafen und zwei Kinder im Schlepptau — und dachte: vielleicht ist das ja mein Problem. Vielleicht bin ich übersäuert.

Ich habe beides gekauft. Zwei Wochen später habe ich die Teststreifen in den Müll geworfen, und zwar nicht aus Frust, sondern weil ich verstanden hatte, was sie überhaupt messen. Das ist die Geschichte dazu.

Was der Streifen mir sagte — und was nicht

Die Streifen zeigten brav, was Streifen eben zeigen: morgens sauer, nachmittags weniger sauer, nach dem Salat fast neutral. Ich war kurz alarmiert. Bis ich begriffen hatte, dass ich die ganze Zeit Urin gemessen hatte, nicht meinen Körper.

Und das ist der ganze Trick an der Sache:

Der pH-Wert im Urin schwankt mit dem, was du isst. Der pH-Wert in deinem Blut tut das nicht.

Bei einem gesunden Menschen liegt der Blut-pH zwischen 7,35 und 7,45 — ein Fenster von einem Zehntel. Da wackelt nichts, egal wie viel Zitronenwasser oder Brokkoli ich hineinkippe. Der Körper hält diesen Wert mit drei Systemen gleichzeitig: chemische Puffer im Blut, die Lunge (sie atmet Kohlendioxid ab, und CO₂ ist Säure) und die Nieren (sie scheiden Säuren mit dem Urin aus).

Ein saurer Urin heißt also nicht „mein Gewebe ist sauer". Er heißt: meine Nieren haben gerade gearbeitet. Ich habe auf einen Teststreifen gestarrt, der mir den Müllabtransport anzeigte, und daraus geschlossen, die Wohnung sei dreckig.

Nebenbei, der Gedanke, der mich endgültig überzeugt hat: Magensäure liegt ungefähr bei pH 1,5 bis 3,5. Kein Lebensmittel, das du kennst, ist saurer als das, was in deinem Magen sowieso schon steht. Alles, was du isst, landet erst einmal dort.

„Latente Azidose" — das Konzept hinter dem Regal

Die Idee, die Basenpulver verkauft, heißt latente oder chronische Azidose: eine schleichende Übersäuerung, die müde macht, den Knochen schadet, dick macht, Krebs begünstigt. Klingt plausibel. Ist aber ein alternativmedizinisches Konzept, kein medizinischer Befund. Die Verbraucherzentrale formuliert es nüchtern: Es fehlen klare Beweise für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen latenter Azidose und Erkrankungen.

Die beiden Behauptungen, die am häufigsten fallen, sind sogar ziemlich gut untersucht — mit unbequemem Ergebnis:

  • Knochen. Die These, Säurelast löse Kalzium aus den Knochen und mache sie brüchig, hält einer systematischen Übersichtsarbeit nicht stand. Eine Langzeitstudie hat es noch direkter geprüft: Ein niedriger Urin-pH sagt weder Knochenbrüche noch Knochendichteverlust voraus. Genau der Wert also, den mein Teststreifen gemessen hat.
  • Krebs. Eine systematische Übersichtsarbeit im BMJ Open fand unter mehreren tausend gesichteten Arbeiten am Ende eine einzige, die überhaupt passte — und keine einzige randomisierte Studie. Das Fazit der Autoren: Die Bewerbung basischer Ernährung oder basischen Wassers zur Krebsvorbeugung oder -behandlung ist nicht gerechtfertigt.

Beim Basenpulver wird die Verbraucherzentrale dann richtig deutlich: Nur einem nützen basische Nahrungsergänzungsmittel sicher — dem Hersteller.

Wo Übersäuerung echt ist

Und jetzt der Teil, den ich nicht weglassen will, weil er der wichtigste ist: Eine Azidose gibt es. Sie ist nur nichts, was man mit Pulver aus der Drogerie behandelt.

Eine echte Übersäuerung entsteht bei Erkrankungen — etwa bei Nierenerkrankungen, bei entgleistem Diabetes oder bei fortgeschrittenen Lungenerkrankungen wie COPD. Das ist ein ärztlicher Befund und je nach Form ein Notfall, kein Ernährungsthema. Wer anhaltend erschöpft ist, ungeklärt abnimmt, stark durstig ist oder schwer Luft bekommt, gehört in eine Praxis — nicht in die Drogerie.

Mir ist das wichtig, weil der Mythos genau hier gefährlich wird: Er nimmt einen echten medizinischen Zustand, verdünnt ihn zu einem Lebensgefühl und verkauft dann das Gegenmittel.

Warum „basisch essen" trotzdem vielen guttut

Hier wird es interessant, und deshalb ist der Artikel kein reines Draufhauen. Wer sich „basisch" ernährt, isst am Ende: viel Gemüse, viel Obst, Kräuter, Kartoffeln, weniger Fleisch, weniger Wurst, weniger Ultra-Verarbeitetes, weniger Alkohol.

Das ist eine gute Ernährung. Sie wirkt nur nicht über den pH-Wert — sie wirkt, weil sie eine gute Ernährung ist. Richtig, aus den falschen Gründen.

Der Haken kommt, wenn es streng wird: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät von strikt basischen Diäten ab, weil sie einseitig sind und man dabei leicht zu wenig Eiweiß bekommt. Und ausgerechnet Eiweiß ist für die Knochen eher schützend — also genau das Gegenteil dessen, was die Säure-These behauptet.

Was ich heute stattdessen mache

  • Keine Teststreifen mehr. Sie messen die Arbeit der Niere, nicht meinen Zustand
  • Kein Basenpulver. Das Geld steckt jetzt in Gemüse, das ich tatsächlich esse
  • Mehr Pflanzliches, weniger Wurst — aus Gründen, die mit pH nichts zu tun haben
  • Eiweiß bleibt drin: Quark, Hülsenfrüchte, Eier. Streng basisch ist mir zu eng
  • Anhaltende Müdigkeit ist ein Arzt-Thema, kein Pulver-Thema. Das war meine eigentliche Lehre aus der Sache

Mein Fazit

Ich habe damals nach einer Erklärung für meine Müdigkeit gesucht, und das Regal in der Drogerie hat mir eine angeboten — eine, die messbar aussah und ein Produkt gleich mitlieferte. Dass der Messwert mit meiner Frage nichts zu tun hatte, war Teil des Geschäftsmodells.

Was wirklich hinter der Müdigkeit steckte, war übrigens banal: zu wenig Schlaf, zwei kleine Kinder. Kein Pulver der Welt hätte das gelöst.

Ähnlich wie beim Apfelessig gilt auch hier: Das Lebensmittel ist in Ordnung, die Geschichte drumherum ist das Problem. Iss das Gemüse. Wirf den Teststreifen weg.

Quellen